Wonderwall und Fieberträume

Eine kurze Einordnung von Britpop und meiner kranken Woche.

Es gibt keinen wirklichen Anfang, weil es Britpop nie wirklich gab. Das ist komplett ausgedacht. Jeder kann sich das selber raussuchen. Manche sagen, Britpop begann mit Joy Division oder The Smiths oder The La’s… andere sagen, dass das einfach nur Bands aus Manchester sind.

Für mich begann es im ICE zurück nach Hannover.

Spätestens ab Kassel-Wilhelmshöhe spürte ich, dass eine tiefe Krankheit in mir steckt. Es war Britpop. Spread your germ, spread your germ, spread your germ, hörte ich. ´Enery von den Happy Mondays, mein Beginn des Britpop-Zeitalters. 

Die Happy Mondays waren die ersten, die in Europa Baggy Jeans trugen. Außerdem waren sie gleichzeitig von House Musik und den Sex Pistols inspiriert. Was daraus wird? Schlechte Musik. 

Die Happy Mondays waren cool und deren Texte genial, da war die Musik ganz sekundär. Madchester war geboren.

Es geht weiter, ich bin mittlerweile in Hannover angekommen. Das ist die erste schlechte Nachricht.
Die zweite: Nach den Happy Mondays kommen die Stone Roses - heißt, mein Fieber wird stärker.  

1989 erscheint The Stone Roses und erfindet damit den Look und Sound von Britpop. Manchester Arbeiterkinder, die Songs von den Beatles klauen. 

Ian Brown ist hot. Meine Stirn auch. Mir geht es nicht gut.

Die Stone Roses lernten ihren Manager Gareth Evans kennen, nachdem deren Bassist Mani Mounfield in einem Pub ein Pint nach Gareth geworfen hatte, weil er fande, dass Gareths Hose dumm aussah.

Weil Ian Brown Drogen(-probleme) hat und die Stone Roses fünf Jahre brauchen, um ihr zweites Album aufzunehmen, bauen Blur, Suede und Pulp ihre eigene Szene in London. Cool Britannia. Sie lieben sich alle selber. Machen Songs übereinander.

Sie sind wie Dimes Square, bloß in England und mit weniger Frauen. Lad Coulture. Nick Hornby ist auch dabei. Einfach ein Haufen cooler Typen, die einen Haufen trinken.

Ich trinke unmenschliche Mengen an Ingwer Tee. Ich kann nichts essen, also trinke ich zu den unmenschlichen Mengen an Ingwer Tee, noch eine menschliche Menge an Suppe. 

Die Hyper-hydration führt dazu, dass ich zwar sehr krank bin, dafür aber auch sehr gute Haut habe.

Vielleicht ist das das Geheimnis. Einfach nicht das Bett verlassen und 17 Liter Flüssigkeiten. 

Am nächsten Tag muss ich zu Netto, denn Netto ist direkt um die Ecke. Ich habe zwar gute Haut, bin in allen anderen Kategorien jedoch ekelhaft.

Der 300 Meter Weg ist schon anstrengend, vielleicht war das keine gute Idee. Im Netto nehme ich drei Zitronen und will schnellstens wieder raus, doch der Netto hat andere Pläne mit mir.

Neben der Freeway-Plastik-Cola kollabiere ich, alles wird schwarz. Ein wenig später türmen zwei älteren mulimischen Frauen über mir. Sie sind bestimmt 100 Jahre alt. 

Sie wedeln mir mit Netto-Prospekten Supermarkt-Luft ins Gesicht. Ich stabilisiere mich zwischen den 2-Liter-Freeway-Sixpacks. 

„Ist das dein erster Ramadan?“
Ich schüttele den Kopf. 
Jetzt kommt die Kassiererin mit einem nassen Lappen und hält ihn mir an die Stirn. Er ist lauwarm.

1994 erscheint Definetly Maybe von Oasis. Supersonic, RocknRoll Star, Live Forever. Britpop ist am Höhepunkt.
Ich hingegen, hier ekelhaft im Netto, absoluter Tiefpunkt. Komplette Psychose.

Blur vs Oasis. Ich schwitze meinen ganzen Ingwer Tee wieder raus und versuche selber, die Entscheidung zu treffen. Ich bemerke, dass ich Alkohol vermisse. Und Menschen.

Ich bin ziemlich einsam hier. Ich bin einsam, weil ich alleine bin in meiner Krankheit. Ich habe seit 3 Tagen nicht mehr gesprochen. Niemand ist hier und keiner interessiert sich mehr für Britpop. 

Was, wenn ich nicht im Netto, sondern auf dem Weg zum Netto zusammengeklappt wäre? Wie lange hätte ich auf der Straße gelegen? Was wenn ich einfach hier in Ohnmacht falle?

Hier kann mir niemand einen lauwarmen Lappen auf die Stirn legen. Ich neige zur Dramatik, ich nehme Oasis.

Meine Träume sind extrem detailliert und erschreckend. Die Welt scheint jede Nacht in viele Teile zu zerfallen und die Sonne bricht auf, in einer Mission die Erde zu schlucken.

Leute rennen weg, ich muss mich von meinen wichtigsten Menschen verabschieden. Und dann, kurz vor der vollkommenen Apokalypse, wache ich auf. 

Ich bin mir nicht sicher, was mein Fieber damit aufarbeiten will. Es scheint, als hätte ich Angst vor etwas. Ich wünschte mir nur, mein Unterbewusstsein würde mir klarer machen, wovor.

Vielleicht ist es die Angst in einem Pub eine dumme Hose anzuhaben.

Das größte Britpop-Album ist ganz klar Whats The Story, Morning Glory. Hier sind die ganzen Post-Songs drauf. Songs, die so sehr Songs sind, dass sie gar nicht mehr als Songs gehört werden können. 

Don’t Look Back in Anger, Champagne Supernova. Was ist schon Wonderwall? Das ist gar kein Lied mehr. 

Das Ende von Britpop kann sich jeder selber aussuchen, weil es Britpop eigentlich nie gab. Aber es ist trotzdem schön. 

Ob jetzt Britpop oder Brat-Summer, der Mensch braucht Kunst, um sich Zeit und die Welt zu erklären. Meine letzten fünf Tage sind komplett anders verlaufen als eure.

Zeit ist subjektiv, Wonderwall kennt jeder.

Ich denke Bitter Sweet Symphony war das Ende von Britpop, ich hoffe mein Fieber bleibt noch ein wenig.





Meine Top 5 Britpop Songs:
  1. Supersonic - Oasis
  2. I Wanna Be Adored - The Stone Roses
  3. The Verve - Bitter Sweet Symphony
  4. There She Goes - The La’s
  5. Animal Nitraete - Suede

Beliebte Posts