Treppenhausblues

Ich geh also auf die Party und die Party ist noch ganz leer, das kann ich im Treppenhaus schon hören, und deswegen warte ich da, im Treppenhaus, und trinke an einem Bier, dass ich mir auf dem Weg dahin gekauft hatte. Das Bier ist mein fünftes und ist ein Radler und dafür muss und soll man sich gar nicht schämen, weshalb auch, da ein Radler ganz schön lecker schmecken kann und auch eine sehr gute Alkoholrampe bildet. Sowieso sind mir Leute die so seltsam über Radler reden sehr suspekt. Dieses Radler ist ein Dosenradler und ich frage mich wieso es überhaupt Dosengetränke gibt. Flaschen sind an sich billiger und besser für die Umwelt, denk ich mal. Ich dose also dahin in diesem Altbautreppenhaus und schaue auf mein Handy. Ob sie mir geantwortet hat? Hat sie nicht und ich ärgere mich kurz, dass ich wieder nachgeschaut habe, denn sie hat auch schon gestern und auch schon vor eine Woche nicht geantwortet, warum sollte sie dann heute, zwölf Tage später antworten. Niemand antwortet zwölf Tage später. Also bleibe ich unbeantwortet in dem Treppenhaus und höre mit einem Kopfhörer der wundervollen Amy Winehouse zu. Wie wundervoll Amy ist, ist natürlich kein Geheimnis, kann aber auch nicht oft genug gesagt werden.

His massage is brutal, but his delivery was kind, maybe if i get this down i'll get this of my mind

Eigentlich mag ich ja so Jazz-Leute nicht so gern, aus mehreren polyryhtmischen Gründen, aber besonders weil die jeder Zeit anfangen könnten zu scatten. Aber Amy verzeihe ich sowas, weil sie so wundervoll ist. Ich verzeihe dir Amy. Mit dem anderen Ohr höre ich hier von oben schon einen Technohousedownbeatgrimeoderso Track. Der Song oben heißt bestimmt nicht Love Is A Losing Game oder Tears Dry On My Own, sondern sowas wie Beachfuck138bpm. Kann ja auch Spaß machen, stört mich aber gerade eher, weil Amy ja eigentlich was über Frank erzählt und ich gar nicht für Beachfuck gekleidet bin. Ich checke, ob der zweite Kopfhörer, der vor ein paar Stunden unter der Last von Robbie Williams Love Somebody den Geist aufgeben hat, jetzt funktioniert, aber natürlich nicht und deswegen lasse ich ihn wieder traurig an mir runterbaumeln, wofür Robbie aber auch nichts kann. In dieser Kleinstadt, welche die Alliierten vergessen hatten vollkommen wegzubomben, gab es heute keine Kopfhörer mehr, weshalb ich auch seit Stunden schon einohrig durch klein Hildesheim laufe, um die Zeit und mich zu überbrücken und auf der Suche nach irgendetwas, dass es verdient hat von einem Ohr gehört zu werden. Suche fehlgeschlagen. Amy hätte es nun natürlich verdient voll in Stereo und von zwei Ohren gehört zu werden und deswegen überlege ich hoch zu dem DJ zu gehen und zu fragen, ob er Back in Black kurz laufen lassen könnte, ja, selbstverständlich das Album und nicht nur die Single. Aber der DJ heißt heutzutage meistens nicht mehr Kai oder Marco, sondern Lenovo und der hat im Gegensatz zu Kai oder Marco ein Passwort, dass ich meistens nicht geknackt bekomme. Amy singt There Is No Greater Love und dieser Blues kickt ganz schön alles in mir herum, sodass ich mich auf die Treppen setzen muss. Aber In My Bed kommt ja schon als nächstes und bitte alle aufstehen für die Hymne.

Jetzt stehe ich also mit einem Kopfhörer in diesem Treppenhaus und voll im Dazwischen, zwischen den Stöcken und zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Beziehung und einsam, traurig und nicht und zwischen Party und wieder raus gehen und mir noch ein Dosenbier holen. Was würde Amy tun? Die würde jetzt hoch gehen, Tränen trocknen ja von selber, sogar Robbie würde das und deswegen mache ich das auch. Denn man muss sich nunmal immer durch das Treppenhaus kämpfen, um oben anzukommen.





Eine Metapher so alt und nützlich, wie dieses Treppenhaus (Foto von Hannah)


Beliebte Posts