Dann halt Berlin: Ein Reise- und Kulturbericht


 
Leute sagen ja immer, dass die Welt klein ist und wenn die Welt klein sein soll, dann muss doch auch Berlin klein sein. Jedenfalls im Zug dorthin dachte ich das noch, dass Berlin klein sein könnte. Neben mir standen betrunkene Fußballfans und wenn nun mal Magdeburg gegen "Die Hertha" spielt, dann sei das wohl auch ein guter Grund zu trinken. 

Ich konnte sie gut verstehen, denn ich hatte einen ähnlich guten Grund. Um zu trinken und sonstiges. Meine Freundin war nämlich nicht mehr meine Freundin und ich hatte Liebeskummer. Nur die Magdeburger mit ihren blau-weißen Schals waren wenigstens konsequent und tranken auch wirklich um 10 Uhr aus ihren Mixeryflaschen. Ich mach ja immer nur so. Es roch nach Schweiß, Energy-Süße und Abstiegsängsten. 

Ich hatte immer gedacht, dass sie Dosenbier trinken würden, die "Ultras", aber ich hatte ja auch gedacht, dass Berlin klein sein könnte. Ein schon sehr betrunkener Magdeburger versuchte im Regio eine Zigarette zu rauchen, ich bot ihm mein Feuer an.

So kam ich also in Berlin an. 
Berlin hat um die 3.5 Millionen Bewohner und dann gibts ja auch noch Businessmänner in Hotels, Gefängnissinsassen, Hochzeitsgäste aus der Türkei, Touristen aus China oder Baden-Württemberg und so Leute, die unbedingt ins Berghain wollen und dann auch noch Studierende und Bands die dort gerade touren und Staatsbesuche vom Präsident der Ukraine und Israel oder so und es war ja auch noch Berlinale und dann gabs ja noch ein Haufen Obdachlose und an sich viele die sich nicht beim Einwohnermeldeamt melden. 

Es gab bestimmt auch Leute, die gar nicht wissen, dass sie gerade überhaupt in Berlin sind. Die sich verirrt haben und nun neben einer Litfasssäule mit Hautcreme Werbung sich eine Spritze in den Unterarm rammen. Und auf der Werbesäule steht dann sowas wie Geschmeidig Schön oder Love your Imperfections. Sagen wir so: die Dunkelziffer von Leuten in Berlin war schrecklich hoch.

Ich denke nicht viel über Berlin nach. Wozu auch?
Dennoch hatte ich noch den Gedanken, dass Berlin klein sein könnte und schaute deswegen auch aufmerksam durch Menschenmassen in Angst und Hoffnung ihre großen Augen zu erblicken. Meine Freundin, die, die es nicht mehr war, war nämlich auch in Berlin. Irgendwo. Das wusste ich und das war schon ganz schön hart.

Sie war nicht gegangen, sondern ich. Auch nicht rennend, aber trotzdem weg. Deswegen hat das ganze in Berlin ja noch weniger Sinn gemacht, aber nach Sinn hatte ich schon lange nicht mehr gesucht und, dass macht man ja erst recht nicht Berlin. 

Ich fand Ablenkung im Dussmann in der Friedrichstraße. Der wurde ja doch gar nicht von Betterov erfunden. Schade eigentlich. Im Dussmann gibts viel. Ein Mann in nicht-Levis/Wrangler Jeans, bestimmt Jack&Jones, fragte nach der neuen Billy Joel Platte. "Ist jetzt im untersten Stock" - Ja, stimmt wohl.

Zwei Atzen reden über Dostoevsky. Eine Oma will einen Selfiestick. Und habt ihr Honig und Milch und Sonne und Beton? Eine Gruppe Mädchen legen ihr Taschengeld zusammen um die rote Version von Taylor Swifts "Midnights" zu kaufen, die hätte ich auch genommen, wenn ich sie gewesen wäre. Kafka liegt auf dem TikTok-Tisch, was am Ende des Tages aber auch ganz lustig und egal ist. 
Ein Junge mit Schulranzen fragt nach Tschick, ein älterer mit Eastpaktasche nach Faust, alles bleibt wie es ist. Es gibt Nirvana Pullis für 80 Euro und die Stones verkaufen nun auch Zungen Edelbesteck. Kultur lebt. Außerdem noch Kassetten von Björk und Molchat Doma. Dussmann ist Berlin ist simpel und tut gut. 

Ich holte mir ein Buch von Thomas Bernhard, weil das Thomas Bernhard in meiner Situation auch gemacht hätte.
Das lese ich in der S-Bahn, während ich Musik höre. Wehe es entsteht ein Gedanke an mich, wehe einer an sie, wehe einer an Berlin. Ich versinke in der Isolation Berlin, würde die Band Isolation Berlin singen. Ich schwimme jedoch nur darauf, wie eine Fettauge, und singe stattdessen Im Prinzenbad Allein von Element of Crime.

Manches ist auch gut da. Im "NewCity Bowling Hasenheide Bowlingcenter", was laut einer Google-Maps Rezension ein guter Ort zum Bowlen sei, kann man sich auch noch gut mit Freunden betrinken, das kann man also wirklich nur empfehlen. 

Sonst war Berlin noch immer tot wie ihre Techno Augen. Genau was ich brauchte. Schlecht geschlafen und gut gelebt. Mir gehts immer noch in Ordnung. Das graue Berlin bleibt so wie es ist und ich auch. Alles wie immer. Nur sie ist jetzt weg, naja, alles ja sowieso auch nur Fiktion und wenigstens bleibt ja, wie gesagt Berlin, wie immer.

Mein Herz war leer und voll an der Jannowitzbrücke und im Humboldthain und auch in diesem schönen Kino am Zoologischen Garten. 
Einmal dachte ich kurz, ich hätte sie dort gesehen, aber das war dann doch nicht so - zum Glück und leider. Berlin war eben doch recht groß.  







BERLIN 


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