SCHMUTZ


Ramona war ein armes Mädchen - und das in jedem Sinne des Wortes. Dafür konnte niemand was, ihre Eltern hatten schließlich hart und viel gearbeitet, aber sie und ihre Familie waren nun mal arm. Sie wohnte in einer kleinen Wohnung, im ersten Stock eines Hochhauses, in einem noch kleineren Zimmer, dass sie sich mit ihrem Bruder teilen musste. Ihre Eltern waren nicht oft zuhause und wenn, dann waren sie gestresst oder tranken oder stritten sich. 
In der Schule kam Ramona nicht mit. Sie musste so oft über ihre schmutzigen Haare und ihre fettige Haut nachdenken. Ihre Hosen waren voller Löcher. In der Pause wurde sie oft verprügelt - sie wünschte sich mehr vom Leben.
Eines Tages kam ihr kleiner Bruder mit einem Brief in der Hand. Der Brief war rot und in schwarzen Druckbuchstaben stand darauf:

Ein Geschenk der Baumhaus GmBH
Im Memo darunter stand »Du wirst nie wieder mehr wollen«

Darin war ein Scheck, ausgestellt für 2.5 Millionen Euro. Wer den ihr wohl geschickt hatte? Ihre Mutter lachte sie erst aus, ihre Mitschüler auch. Ramona wünschte sie hätte nie jemanden davon erzählt. Das konnte ja nicht echt sein. Ja, wahrscheinlich war es nur ein übler Scherz. In dieser Häme lebte sie für drei Wochen, bis ihre Lehrerin, die mit den  schönen Locken, ihr sagte, dass es ja nichts kosten würden den Scheck mal zur Bank zu bringen.
Sie fuhr mit ihrem Fahrrad zur nächsten Bank. Die Angestellten lachten erst auch. Natürlich, Ramona sah schließlich nicht aus, wie als könnte sie einen Scheck zur Bank bringen, ganz geschweige denn einen mit einem so hohen Betrag. Das war nur für die reichen Männer in den Anzüge passend - die mit den großen Plänen, die von der anderen Seite der Stadt. Sie schämte sich.
Nach 45 Minuten kam ein schlanker Mann mit zurückgekämmten Haar aus einem Hinterbüro hervor. Er zitterte, als er ihr mitteilte, dass der Scheck echt war.

Nach zwei Jahren war Ramonas Familie umgezogen. Nicht nur in die andere Seite der Stadt, sondern in eine ganz neue Stadt. Sie hatte jetzt ihr eigenes Zimmer und lernte das Cello und französisch. Davor kannte sie das Cello nicht mal. 
Sie hatte nun reiche Freunde. Die, die es schon immer waren und die immer zu gut rochen. Ihre neuen Freunde waren sauber geboren. Natürlich ging sie nun auch in eine gute Uni. Aus ihrer alten Stadt ging niemand auf die Uni. Während ihres Studiums suchte sie oft nach der Baumhaus GmBH. Sie bekam nicht viel heraus. Der Gründer kam wohl aus einem armen Haushalt und war dann mit Immobilien erfolgreich geworden. Eine Erfolgsgeschichte, doch niemand kannte ihn wirklich. 
Mit Ende 20 wurde sie Journalistin bei Finanzblättern, bleachte sich die Haare und zog nach Frankfurt. Sie heiratete einen Maler. Er hielt sie fest in seinen Armen und sagte ihr Sachen, wie »Es ist Oke. Ich liebe dich. Wir sind doch glücklich.« Sie ließ sich scheiden. 

Immer mal wieder stellte sie selbst Anzeigen in die Zeitungen, für die sie schrieb: »Kennen Sie den CEO der Baumhaus GmBH? Können sie mir mehr Auskunft geben?« Doch ohne Erfolg. Niemand wusste etwas über den Mann. In den Jahren konnte sie sich als Journalistin beweisen und stieg Ränge auf, zog in ein größeres Hochhaus. Sie hatte gute Kontakte ins Bankenviertel aufgebaut. Auf die Anzeigen antwortete niemand, doch sie gab nicht auf. 
Nach etwa sieben Jahren bekam sie endlich mal einen Bissen. Der mysteriöse Milliardär und Chef der Baumhaus GmBH sei todkrank und wäre bereit für ein letztes Interview. 

Er lebte sehr abgelegen im Nirgendwo, die letzten Kilometer musste Ramona zu Fuß laufen. Durch Gewässer und an Sümpfen vorbei, kämpfte sie sich durch einen dichten Wald. Sie hatte Durst und konnte nicht mehr, aber sie lief. Unerbittlich, immer weiter.
Einmal war sie fast ausgerutscht und konnte sich gerade noch fangen, doch Matsch war an ihren Kaschmir-Rock und ihre Händen gekommen. Das war ihr alles egal, sie wollte ihre alte Frage stellen. Die, die sie seit ihrem dreizehnten Lebensjahr, als sie den roten Brief bekommen hatte, fragen musste. Nach den letzten Baumkronen sah sie das Riesen-Anwesen. Sie lief zum großen Zaun. Dort war eine Video Fernsprechanlage. Sie konnte kaum noch warten warten, sie fuhr mit ihren zitternden Fingern durch ihr Haar, es war nun schmutzig, egal, sie klingelte. Nun, gleich, war es so weit. Sie wurde nervös. Warum antwortete niemand? Das war doch unfair, sie musste weinen.
Es dauerte ein wenig, doch dann erschien endlich ein schrumpeliger, grauer Kopf auf dem Bildschirm der Zaun-Anlage. 

  »Du bist es. Du hast mich gefunden.«
»Ja, ich muss es Sie fragen.«
  »Natürlich Ramona, was denn?«
»Kann ich noch mal 2.5 Millionen Euro haben?«





Bild von Liselotte


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