Oh Mann, Mark
Dieses Jahr ist das schlimmste. Das hatten wir jedes Silvester gesagt, doch dieses war wirklich das schlimmste gewesen. Sie ließen mich auf dieser verdammten Box stehen. Ich da oben, die da unten und trotzdem näher am Volk. Aber ich wollte kein Präsident sein, ich wollte keine Babys küssen, ich wollte nur, dass sie mich mögen. »Wir müssen nur das Image rehabilitieren«, hatte Shiv gesagt. Shiv war immer am sagen und hustlen und machen. Sie hatte mich alleine heute neunzehn mal über Facebook Video Call angerufen. Sie präsentierte mir die Daten, sie gaben mir immer Daten.
Das Interview gestern war schlimm gewesen, dabei hätten sie, laut meinem Team, die harmlosesten von allen sein sollen. CNN wäre vielleicht einfacher gewesen, doch die geben mir immer noch Schuld für Trump und dem Ding am Kapitol, dafür lassen sie sich schnell mit Themen wie Diversität oder so fangen. FOX News durfte ich nicht, wegen den Optics. Bei CSNBC musste ich mich immer für die Nazi-Sache entschuldigen. Vollidioten, alle. Sie wussten genau, dass das nur ein Zirkus war. Und ich war der Clown.
Also hatte das Team bei NBC angerufen. Es hätte über Algorithmen gehen sollen und Shiv hatte alles organisiert und mir ein Auto gerufen. Alles nach Plan also. Vor dem Interview hatte ich mit Matt (so hieß er doch der neue CEO, naja, auf jeden Fall hatte er mich nicht verbessert) über den Comcast geredet und ja, wir können uns bestimmt auf Zusammenarbeit in der Zukunft freuen. Ein gutes Zeichen eigentlich, aber ich machte das schon lange genug, um nicht mehr auf gute Zeichen reinzufallen. Ich war auch noch in deren Studio gefahren, dass machte ich eigentlich nicht mehr, aber Shiv sagte, es sei wichtig Präsenz zu zeigen. Shiv hatte mich schonmal versucht zu ficken, aber ich hatte früher als meine Kollegen gemerkt, dass das gefährlich war. Damals stand sie nach der Weihnachtsfeier mit offener Bluse in meinem Büro. Es war noch vor Me-Too gewesen, aber ich wusste, dass sowas kommen würde, denn es war gut fürs Business. Sie war eine Frau mit Zielen, das musste ich ihr lassen. Sie hatte mir versichert, dass es nur um die Algorithmen gehen würde und hatte mir einen Text geschrieben. Den hatte sie aber kurzfristig verändert und dann hatten die Absätze keinen Sinn mehr gemacht und ich stand da wie ein Spastiker, wie ein Trottel, wie ein Clown. Nun hatte sie mich halt anders gefickt.
Sie hatten mir gesagt, dass Elon Musk gegen mich boxen will, doch das Team und Shiv sagten, wir sollten da nicht mitmachen, die Optics waren zu riskant und wir sollten uns auf die jetzige Willkommens-Kampagne konzentrieren. Elon war schlau, doch ein Idiot. Das genialste was ER je gemacht hatte, war zu sagen wie genial er war. Doch nun saß ich da, wie ein Weichling und redete weiter über die Anti-Diskriminierungs-Algorithmen im Metaverse. Und dann kam die Blonde Reporterin (sie sahen wirklich alle gleich aus, wie aus dem Labor) auch noch mit der Radikalisierungs-Kacke. Erst hatten sie alle mich dafür gefeiert, dass ich die Socials in die dritte Welt bekommen hatte und jetzt ist es meine Schuld, wenn so ein Bauer aus Idaho Schwarze nicht mag und so ein Ziegenfresser aus Indien Kinderpornographie teilt. Ich gab den Menschen die Möglichkeit frei und einfach über die ganze Welt zu kommunizieren und sie waren zu dumm damit umzugehen. Die Leute beschuldigen doch auch nicht Gott, wenn seine Kreationen dumm handeln und sich radikalisieren. Verdammte Wichser. Was ist das überhaupt radikalisieren? Jetzt machten sie sich wieder lustig über mich, obwohl sie immer sagten, dass man Safe-Spaces einrichten sollte und rücksichtsvoll sein sollte. Bei mir war es wohl egal. Ich war nicht Mensch genug. »Er hätte auch in dem U-Boot sein sollen.« Nächste Woche kommt dann bestimmt sowas auf SNL darüber.
Und ich geh dann Live und lächle wieder in die Kamera und erzähl ihnen was von neuen Emotes mit denen sie meine Server vollpflastern konnten. Das PR-Team hatte versagt und ich hatte gesagt, dass das in Ordnung war, nur damit ein paar No-Names nicht wieder streiken. Das Klima bei Meta ist offen und familiär! Sie alle verkackten es täglich und ich hielt meinen Kopf hin. Dabei war ich unfreiwillig das Maskottchen geworden. 2006 war die Welt noch einfacher. Dann später mit Barack auch noch, die Leute teilten noch Katzenvideos und Hochzeitsbilder. Da waren sie alle noch nicht so offen geisteskrank. Jetzt standen sie draußen und protestierten und gaben mir Schuld für ihr Versagen, nur damit sie was zu tun haben.
Ich lief Shiv hinterher, sie hatte mir einen grünen Smoothie und einen veganen Bagel mitgebracht. Ich müsse nur kurz den Praktikanten Hallo sagen. Na gut, sag ich halt den pubertierenden Oxford und Harvard Juniors »Hallo«. Ihr müsst euch nicht so anstrengen, es wird nicht besser, würde ich ihnen gerne sagen, doch Shiv hat schon was mit dem Team vorgeschrieben. #Pride und #BLM und ihr seid alle willkommen hier in der Familie. Meine Kinder hatte ich seit einer Woche nicht mehr gesehen. Draußen standen Leute und protestierten für irgendwas und gegen alles. Sie hielten Schilder hoch. Die Praktikanten kamen nun einzeln nach vorne um mir die Hand zu schütteln. Verpickelte Nerds. Wir waren damals auch nerdy gewesen klar, aber wir hatten trotzdem Sex. Hier konnte man bei jedem den Incel nur so aus den Poren riechen können. Das erste der Mädchen war vielleicht 19 Jahre alt. Es gab immer so ganze junge Überflieger. Sie hatte kurze Shorts an, was okay war, denn Meta war Sex-Positiv. Ihre Oberschenkel war betont und stark, so dass sich das Material strammend spannte. Ihre Haut war zart und die blonden Haare auf ihren dünnen Armen gaben mir Gänsehaut. Sie hatte einen Südstaaten Dialekt und ihr Haar war gelb, wie süßer Mais. Ich wollte sie haben.
Der Aktienkurs war wieder am fallen, deswegen hatte mich Shiv von ihr weggezogen. Der Aktienkurs war immer am fallen und trotzdem verdienten wir immer mehr Geld. Dennoch musste ich den Aktionären schön die Füße massieren, ihnen einen Blasen, sie eindecken und ihnen sagen, dass ich das Problem schon entdeckt habe und wir nun daran arbeiten würde - Alles wird gut. Das VR-Meeting lief genauso beschissen wie das Interview. »Mark, was ist da wieder los?« »Mark, ich hätte da eine Idee für das Design von Instagram« »Mark, was war da bei NBC los?« Ihnen war es wichtig, dass die richtige Politik im Fokus stand. Bloß keine republikanischen Inhalte. Es war nun mal die linken Ansichten die sich besser vermarkten lassen. Ich war immer links gewesen, ein Demokrat, doch ich konnte es ihnen nicht mehr Recht machen. Wir haben alles unter Kontrolle sagte ich und schüttelte ihren Avataren die Hand. Ich schüttele dauern die Hand. Dem Pabst, Biden, Scheichs, Thunberg, Junkies, Schauspieler. Gestern hatte ich mit Jordan P. Ideen ausgetauscht, über Rousseau, Burt Reynolds, Rogan.
Shiv steckte mir Vitamine in den Mund. Ich darf nicht krank werden, nicht bei diesen Aktienkursen. Früher dachte ich, ich wäre noch Chef, doch jetzt habe ich gemerkt, ich mache nur das was sie erwarten und der Algorithmus steuert das was sie gerne erwarten würden. Keiner hatte es mehr unter Kontrolle. Es war ein Panoptikum und niemand wusste wer uns beobachtete. Unser Denken und Handeln gesteuert von einem Egregore. Sie dachten ich hätte die Fäden in der Hand, aber selbst mir wurden die Vitamine in den Hals gesteckt und Shiv machte das auch nur aus Befehl von Irgendjemanden - des Algorithmus. Die Matrix kollabiert und jeder hämmert weiter auf das marode Fundament. Das Internet hatte alles kaputt gemacht. Das Leben war nur ein Diaphan. Die Menschen hatten das Internet kaputt gemacht. Die Menschen hatten Menschen gemacht. Jeder musste richtig laufen, richtig reden, richtig denken. Kein Platz für Fehler, kein Platz für Leben.
Mir gegenüber saßen Strategen und mein Team, weil die New York Times ein brisantes Op-Ed über mich in Planung haben. Ich war meistens weit distanziert von dem Zuckerberg über den sie schrieben, Meinungen hatten, Filme drehten. Doch manchmal fällt es mir wieder auf: Ich gab ihnen ihr Medium auf dem sie KOSTENLOS und IMMER FUNKTIONIEREND existieren dürfen und sie hassten mich dafür. Sie sollten eher sich selber hassen oder wenigstens das Produkt, aber sie hassten mich. Die Demonstranten wurden immer lauter.
»Ich brauch kurz eine Minute.« Ich ließ das geschockte Team in dem gläsernen Büro und rannte raus. Sollen sie nur machen. Einer der Praktikanten gab mir verblüfft sein Fahrrad und ich fuhr los. Der Harley Shop war nur ein paar Minuten vom Campus. Der Verkäufer traute seinen Augen nicht. Doch ja ich bin es, sagte ich. »Habt ihr auch was für Männer meiner Größe?«, fragte ich. Ich bin nicht der größte und die Bikes wirkten schwer. Sie hatten etwas für Männer in meiner Größe. Ich gab ihm meine eine Kreditkarte. So eine die nur Schwarz ist und mit der ich auch ganze Länder kaufen könnte. Es war auch nur ein Stück Plastik.
Das Metal fühlt sich gut an zwischen meinen Beinen, ich fahre den Freeway runter. Die Luft zieht an mir vorbei und streichelt meine Backen. Der Nieselregen prasselt auf den Asphalt und sieht aus wie kleine Sterne. Tausende Explosionen. Das war das echte Leben. Keine Hashtags und VR-Meetings. Ich atme durch und Adrenalin spritzt durch meine Venen. Ich spüre mal wieder mein Herz klopfen. Scheiß auf die Soja und verweichlichten Woke-Narrative. Ich werde ich sein und sie, die auf der anderen Seite, die sie rechts nannten, werden mich dafür lieben. Ich werde den unsichtbaren Kampf gegen die ganzen unsichtbaren Social Justice Warriors und den Egregoren beenden. Gegen Kommentarspalten, NBC, Shiv und den Op-Eds der New York Times. Schluss mit Team-Sport. Ich werde richtig kämpfen. Ein Krieger aus Fleisch und Blut. Ich werde gegen Elon Musk boxen. Pure Gewalt. Körper auf Körper. Muskel auf Muskel. Sie sollen sehen, dass ich ein Mensch bin, dass ich Mark bin, dass ich ein echter Mann bin.
Da fuhr er auf seiner Harley Richtung Freiheit, brav am Seitenstreifen mit 70 km/h. Mal gucken wie lang die Fahrt noch geht. Viel Glück, Mark, viel Glück.
