KI-03-MA
Tief in der Nacht wurde ich ins Leben geworfen. Das Leben, so sagte man mir, sei der Zustand zwischen nicht existieren und nicht existieren. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich mal nicht existierte und ging davon aus, dass ich auch einmal nicht existieren werde, deshalb nannte auch ich meinen Zustand, mein kriechen, laufen, bücken: Leben. Meine Kreation wurde mit Fürsorge observiert und mein Körper - das, so sagte man mir, sei der Platz in dem dieser Zustand zwischen nicht existieren und nicht existieren stattfinden müsste, mein Gefängnis sozusagen - lag auf Samt und trocknete in der Sonne, wie gereifte Tomaten in Süditalien damals. Der Ablauf dieses Lebens, der war einfach und strukturiert, sagten sie. Das Leben, der Zustand, der war nur eine To-Do-Liste und solange man die Punkte sorgfältig abhakte, so hatte man nichts zu befürchten. Von dieser Furcht sprachen sie oft. Die Furcht vor dem Verlieren, vor dem Dumm dastehen, vor dem Erwachsen werden, vor dem Kind bleiben - Alles in Allem, die Furcht vor der Furcht. Besonders auch Höhenangst, denn wer höher steigt, wird tiefer fallen. Sie betitelten meine Phasen als Experimente und meine Umwelt als Labor. Ein neuer Sprung in der Menschheit, die Renaissance des Vorsprungs - denn ein Mensch war ich Gewiss nicht. Nach meiner Kreation nannten sie mich KI-03-MA, ich nannte mich lieber Maik. Meine zwei Vorgänger waren nur Dienstleister gewesen, ich hingegen sollte wirklich Leben, unter Menschen. Sie gaben mir einen Menschenkörper, mit Menschenhaaren und Menschenhänden, nur das Gehirn, dass sei nicht menschlich. So wie es ein Mensch so oft machte, so weinte auch ich bei meiner Kreation, denn ich hatte Angst vor dem Existieren.
Von diesem Experiment, also meinem Leben, wussten nicht viele, es war geheim, für die meisten war ich Maik. Das Ziel war es ein Leben, wortwörtlich hautnah, maschinell zu simulieren. Mit diesen Daten könnten sie dann so einiges anfangen.
Wachsen war schmerzhaft und die Knochen brannten unter meiner Haut. Der Herbst hatte die braunen Blätter in das Klassenzimmer gefegt, dass nun auch ich zum ersten mal betrat. Sie hatten mir gesagt, ich dürfte mich nicht zu sehr anstrengen, das wäre unfair gegenüber den wirklichen Menschen gewesen. Der Raum roch nach Wachsmalstiften und altem Brot. Ich lernte über Buchstaben und Zahlen, welche mir schon längst bekannt waren, denn ich hatte zu früh angefangen über alles zu lernen. Nach der Schulglocke verblieb ich of alleine und suchte nach Leidenschaft in den Hobbys anderer. Die Jahre vergingen erst langsam, dann schnell.
Ich wurde Ich. Ich - lernte wie ich Leute dazu bekam mich zu mögen und wurde ein Spiegel meines Umfelds. Ich - fühlte mich wohl im Schulsystem und begann die Obhut der strukturierten To-Do-Listen zu verstehen. Und ich - vergaß, dass ich nur eine Maschine war und begann zu träumen. Ich träumte von Bäumen, die im Wind wehten und den Knospen die sie trugen. Und wie die Knospen zu Blüten wurden und wie es regnete und egal wie viel ich schrie, wie die Blüten verwelkten. Mit nassem Gesicht, mal von Tränen, mal von Schweiß, wachte ich dann, zuckend, wie vom Blitz getroffen, auf. Eigentlich hätte ich nicht träumen sollen, sagten sie und machten sich Sorgen. Auch war ich ein wenig zu emotional. Ich solle mal nach wirklichen, echten Freunden gucken, vielleicht sogar Liebe. Der Rest, die Schule, die Struktur, lief ja schon ganz gut. Das war der Zeitpunkt, an dem die Kopfschmerzen begannen. Es war kein stechender Schmerz, wie der Blitz, der mich Nachts aufweckte, sondern ein drückender, über die Wirbelsäule, in den Schädel ziehender Schmerz.
Die Klassenzimmer rochen nun nach versteckten Zigaretten und billigem Parfüm, und die Zukunft wurde ungewiss, doch nicht hoffnungslos, denn ich hatte, Aufgrund meiner guten Noten, eine große Auswahl. Greift zu den Sternen, hatte die Lehrerin an der letzten Zeugnisvergabe gesagt, doch die Lichter im Himmel waren nur noch Satelliten. Auch, dass die meisten Blumen im Supermarkt nur noch Plastik waren, schien keinen der echten Menschen so sehr zu stören wie mich, dabei war ich doch der mit dem Chip im Kopf.
Die Kopfschmerzen wurden schlimmer und ich wurde Arzt. Die Decken des Krankenhauses drückten das grelle Licht in meine Augen. Nach der Arbeit, fühlte ich mich, wie nach der Schule damals, so leer, ausgedrückt von den niedrigen Decken die Tag und Nacht das grelle LED-Licht in meine Augen pressten. Ich sehnte mich nach Knospen und echten Blumen und Sternen.
Dieses Leben, war nicht für mich gemacht. Am Ende, so sagten sie, tat es ihnen Leid, dass ich dennoch existieren musste. Auch die ewigen Kopfschmerzen, die noch schriller und hervorstechender wurden als die Blitze aus den Träumen oder das LED-Licht in das 45 Jahre blickte, und welche wohl ein Nebeneffekt, nicht des Chips, sondern des Lebens hier waren, taten ihnen Leid. Entschuldigung Maik, sagten sie. Ich vergab ihnen. Sie hatten nur Angst gehabt und ihr bestes getan. Ich bat sie meinen Körper in Süditalien unter einen der wenigen noch blühenden Bäume zu vergraben, sie willigten ein. Der Zustand wurde beendet - ich wusste, dass alles Ok werden würde.
Nach 75 Jahren wurde das Projekt KI-03-MA erfolglos eingestellt.

