Wie ein Rubellos - Ein Märchen
Es war einmal und noch öfter danach, eine Frau. Sie war verwitwet und verwaist. Alleine ist sie geboren und wie die meisten es tuen, auch alleine gestorben. Doch Einsam war sie nur in der Mitte. Sie schwamm wie Öl und Fett, auf dem Wasser ihrer Mitmenschen. Dabei hatte sie es wirklich und stark versucht, Wasser zu sein. Um Wasser zu sein muss man lachen wenn die anderen lachen, und lächeln wenn man die anderen Menschen morgens vorm Büro oder Abends im Ehebett sieht. Doch die Frau musste da eigentlich gar nicht lächeln, und je länger sie ihre Backen verzerrte, desto mehr tat alles weh. Erst der Kopf, dann der Körper, dann Alles. Manchmal musste sie wirklich lächeln, wenn sie zum Beispiel einen schönen Vogel sah oder wenn sie ein Gedicht von Rilke las. Ihr Ehemann las nur Kicker und manchmal Bild. Sie würde auch gern Bild lesen, aber das konnte sie nicht. Die Süddeutsche wie ihre Freunde, schaffte sie auch nicht, und die FZ schon gar nicht. Eigentlich konnte sie nur Rilke lesen, und wenns ihr sehr gut ging, zum Beispiel wenn sie Rilke gelesen hatte, dann konnte sie auch Kafka lesen. Aber nur die Briefe. Oft war die Frau nicht mal traurig, aber das ständige lachen und lächeln kratzte sie runter, wie die Münze die Rubellose, die ihr Mann manchmal kaufte. Kalt und Weiß, kalt und weiß. Der Winter war schlimm. Besonders der besagte. Sie wollte Freiheit und alles verändern, und hatte im Herbst zu viel Freiheit gerochen. So kündigte sie ihren Job im Büro um dort morgens nicht mehr lächeln zu müssen, und ließ sich von ihrem Mann scheiden um dort Abends nicht mehr lächeln zu müssen. Sie zog weit weg. In die Wälder. Doch auch der darauffolgende Frühling war kalt und weiß und der Sommer auch. Erst später, sie hatte viele Vögel erspäht und Rilke nochmal durchgelesen, ging es dann wieder- alles. Endlich nicht mehr einsam, dachte die Frau alleine, endlich nicht mehr einsam.
