Ein bisschen leben
Der Wecker klingelt. Noch ein Tag also. Wetterprognose: grau.
Ich schau aufs Handy und sehe nur schöne, helle Farben und ignoriere drei Mails. Früher wollte ich Maler werden- hmm schaff ich heute leider nicht mehr. Vielleicht ja morgen. Naja morgen. Klimawandel, Ukraine, Rechtsdruck, Katar, AfD, PKW, NNdW, Covid, Machine Gun Kelly, Linksdruck, Palästina, bestimmt was mit China…gleichzeitig, auch morgen.
Hat eigentlich alles ist nichts mit mir zu tun, ist aber generell nunmal Tod und Ungerechtigkeit, und viel. Eine Welt ohne Zukunft. Ich sollte vielleicht aufhören die Nachrichten zu lesen.
Auch hab ich keinen Brotbelag, und Brot schon gar nicht. Ich schaue nochmal prüfend in den Kühlschrank, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Doch sie stirbt, in der Form einer vergammelten Paprika. Dann wird heute Morgen halt gefastet.
Ich verliere meine Ewigkeit.
Und da bin ich nicht alleine. Dass wir uns selber lieben sollten, wissen wir eh auch schon lange, und ist langweilig geworden. Also weg mit dem Balsam-Tee!! Bleibt nur noch mit Stil aufzugeben. Frisch poliert und unrasiert, geh ich raus.
Ich schlendere, ge-noise-cancelled, mit meinen Kopfhörern an der Leine, durch die Straßen. Auf der Suche nach Leben.
Da bleibt nicht viel übrig. Und nicht viel ist auch echt wenig. Ich würde gerne mehr leben. Früher, vor der Jahrtausendwende am liebsten. Da war „nicht viel“, noch irgendwie mehr. Das beste aus den 70ern, 80ern und 90ern, und ich warte noch auf das beste von heute.
Die Sonne kommt raus.
Ein bisschen Leben, sehe ich in einem Vater, der seinem Kind das Fahrradfahren beibringt. Ein bisschen Leben, sehe ich in einem jungen Paar, dass sich zuliebt. Er tanzt, und ihm ist es peinlich und er lacht. Dann küssen sie sich. Ein bisschen Leben sehe ich in drei Omas, die sich, zum Kaffee trinken, verabredet haben.
Ein bisschen Leben reicht vollkommen aus, um aufzustehen.
Ein bisschen Leben, dass sind die anderen, um uns herum.
Ich geh zu meinen Freunden, ein bisschen leben.
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| Ein bisschen leben mit N. Foto von C. |

