Der beste Anzug - Eine Kurzgeschichte
Der beste Anzug
Arnold zog seinen besten Anzug an. Den mit den blauen Nadelstreifen.
Dazu passend die rote Krawatte, die bereits griffbereit über der unbenutzten Betthälfte baumelte.
Er würde erst die 35 zur Einkaufsstraße nehmen. Dort würde er blaue Lilien und einen Johannisbeersaft kaufen. Er steckte sich noch zusätzlich 10 Euro für zwei Kaffee ein.
Das hatte immer gereicht.
Er polierte sich gelassen die Schuhe. Das gehörte seit Monaten zu seinem Morgenritual. Währenddessen öffnete Arnold auch gerne das Fenster. So konnte er die Kinder draußen spielen hören. Um 9.30 hatten sie schließlich ihre erste große Pause. In den Ferien vermisste er seine eigenen Kinder am meisten.
Mit schnellen Schritt machte er sich zu Busstation. Der Busfahrer, ein kleiner Mann mit Schnauzer, winkte ihm schon im Anfahren.
„Guten Morgen Arnold“ - „Sei gegrüßt Guiseppe.“
In der Einkaufsstraße kaufte er immer erst den Johannisbeersaft und danach die Blumen.
So wirkten sie am frischesten. Daraufhin ging er aufgeregt in den Park.
Noch drei Bänke, noch zwei Bänke…da saß sie. Wunderschön.
Arnold ging auf sie zu. „Ist das Ihre Lieblingsbank im Park?“, fragte er aufmerksam.
Die Frau wirkte erschrocken, doch antwortete lächelnd: „Aber ja doch. Sehen sie, auf dieser Bank sieht man, durch die zwei Eichen, den See am besten.“ Arnold lächelte sie nun auch an.
„Darf ich mich zu ihnen setzen?“, fragte er die Frau.
„Aber gewiss doch“, antwortete sie und rückte ein Stück auf der Bank.
Die beiden schauten auf den See. Die Sonne glitzerte in den kleinen Wellen und Wölbungen des Wassers.
Arnold hielt ihr die Flasche hin: „Darf ich ihnen ein Schluck Johannisbeersaft anbieten?
Ich habe ihn gerade frisch bei Getränke Konrad geholt.“
„Oh sehr gerne! Getränke Konrad macht ihn am besten.“, kicherte die Frau.
„Wissen sie“, sagte sie, „Mit meinem Vater hatte ich früher selber jedes Jahr Johannisbeersaft gepresst. Es war auch sein Lieblingssaft.“
Sie erzählte ihm von ihrer Kindheit. Wie sie in diesem Park schon früh alleine gespielt hatte und sie in der Straße daneben von ihrem Bruder das Fahrradfahren gelernt hatte.
Arnold erzählte ihr von seiner ersten Verabredung mit einem Mädchen, auch in dem Park, und wie furchtbar nervös er gewesen war. Die beiden lachten und sahen sich tief in die Augen.
„Darf ich sie auf einen Kaffee einladen?“, bat Arnold die Frau.
„Aber nur wenn sie mir ihren Namen verraten.“, antwortete sie schnippisch.
Das Café war nicht weit vom Park und Eva erzählte Arnold von ihrer Schulzeit und wie gerne sie gesungen hatte. Arnold sog jedes Wort auf und fragte nach Einzelheiten ihrer Jugend.
„Die möchte ich noch Ihnen noch geben.“- Arnold hielt ihr stolz die blauen Lilien vor.
Eva bedankte sich und roch an den Blumen.
„Blaue Lilien! Sie riechen am besten, wissen sie.“
Die Zeit verging so schnell. Arnold hing an ihren Lippen und schaute nicht einmal auf seine Uhr.
Der Himmel färbte sich Orange, als er Eva anbot sie noch nach Hause zu laufen.
Sie akzeptierte geschmeichelt. Die beiden unterhielten sich, ohne Pause und frisch verliebt,
über Elvis und Rückenschmerzen und lachten dabei laut. Arnold kannte den Weg gut.
Vor dem großen weißen Haus hielten sie sich kurz die Hände und Eva gab ihm einen Abschiedskuss. Sie strahlten sich beide an, sowie es die Sonne auf dem See im Park gemacht hatte.
Eva ging zurück ins freie Altersheim. Seit vier Jahren litt seine Frau unter Demenz.
Arnold freute sich auf morgen. Er würde seinen besten Anzug anziehen.
Den mit den blauen Nadelstreifen.
Von Robinson Rönnfeld

